Schülerzeitung am Hölty Gymnasium Wunstorf

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Martin Luther – Definitiv kein Vorbild, schade eigentlich

Fünfhundert Jahre Reformation und Martin Luther ist in aller Munde. Wie sollte man das Reformationsjubiläum anders feiern, als es einem bestmöglich aufzuzwingen und Luther lobzupreisen? Wie anders, als die Reformation im Geschichtsunterricht zu behandeln und eine Lutherkollektion zu verkaufen? Wenn man es so niederschreibt, erscheint es absurd. Jedoch ist die Reformation immerhin das Fundament der evangelischen Kirche und ich werde auch nicht gegen sie sprechen, ich bin ja selber stolzer Protestant. Eher möchte ich gegen das Beschönigen Luthers Person und das Negieren offensichtlicher Fakten sprechen: Er war nicht nur der junge Visionär, der durch seine 95 Thesen richtigstellte, was falsch war, der sagte, man solle wieder zur Bibel zurückkehren und sich nicht von der Kirche lenken lassen, der Trunkenheit und Völlerei in seinen Schriften verhöhnte und der sicher nicht daran dachte, dass er zukünftig Letzteres verkörpern sowie mit zu nehmendem Alter und Gewicht gegen seine eigenen Prinzipien verstoßen würde. So war der Mann, der Luthers Zukunft war, nicht mehr als ein antisemitischer, misogyner, hasserfüllter, ja gar antichristlicher Alkoholiker, der zu viel Zeit und Zuhörer fand. Bislang liefere ich allerdings nichts weiter, als scheinbar postfaktischer Behauptungen, folgend also fundierte Aussagen.

Luther war Antisemit.

Dies ist wohl eine Phrase, die man oft hören wird, da sie, zusammen mit dem Alkoholikerdasein, noch 1543_On_the_Jews_and_Their_Lies_by_Martin_Lutheram häufigsten thematisiert wird. Äußerungen Luthers über die Juden lassen sich mehrmals antreffen. Mitunter in seiner Schrift ,,Von den Juden und ihren Lügen“, seinen Tischreden oder gar seinen Predigten. In diesen fordert er zum Verbannen und Töten der Juden auf, bezeichnet sie als ,,[…] Taugenichtse und Ausplünderer […]“ (1536, Tischrede) und bezichtigt sie der Intention, Patienten willentlich mit ihrer Arznei umzubringen. Letzteres aus seiner letzten Kanzelabkündigung, woraufhin er drei Tage später starb. Aber Antisemit zu sein, war der damalige Zeitgeist, schließlich wurden die Juden auch zum Sündenbock für die Pest erklärt! Es mag sein, dass Juden nicht die beLuther-Nazi-Pictureste Stellung hatten, man braucht nur 80 Jahre zurückzublicken und steht vor ähnlichem Problem, aber wie kann jemand, der sich selbst als Mann Gottes deklariert, Menschen offen den Tod wünschen und dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden? Ja, bis heute nicht? Vielleicht ist die Kirche einfach nicht aufgeklärt genug und bemerkt gar nicht, was Luther so von sich gab? Unwahrscheinlich. Als Hitler damals Luther als großen Mann, ja als Riesen, betitelte, der schon früh erkannte, was das Deutsche Volk erst heute erkennen würde (frei zitiert), so wurde brav ,,Heil!“ gesagt von damaliger Kirche und das Bild suggeriert, dass man hinter dem stehe, was Luther gepredigt hat. Luther wurde ferner als nationalsozialistische Propaganda verwendet. Man könnte meinen, dass heute damit aufgeklärter umgegangen wird, doch erschreckender Weise ist das nicht so. Jeglichen Kontakt, den ich zu Luther durch Kirche oder Religionsunterricht hatte, waren Lobpreisungen. Keinerlei Spur von Kritik oder ein dezenter Hinweis auf seine antisemitische Seite.

Hätte Luther sich nur gegenüber Juden so hasserfüllt geäußert, würde man mit der Ignoranz wohl noch leben können, trotzdem sprach er noch so viel Anderes, was diese Ignoranz schon beinah unverzeihlich macht. Wenn ich ihn als misogyn bezeichne, so spiele ich hier nicht einzig und allein auf seinen prinzipiellen Umgang mit Frauen an, da vieles (bedauerlicher Weise) dem damaligen Frauenbild zu verschulden ist, welches auch heute noch in den Köpfen einiger fest verankert scheint. Ferner möchte ich darauf hinaus, wie er über einige Frauengruppen sprach; Hexen und Prostituierte. Für beide forderte er den Tod, teils durch Folter. Hexen den Tod zu wünschen, war zur damaligen Zeit natürlich höchst modern, zumindest wurden Hexenverbrennungen gut und gerne getätigt. Auch hier wieder der Widerspruch des Mannes, der einer Gottes sei, der vom Morden predigt, wohingegen die Bibel sagt, man solle nicht töten. Nun folgt meine Lieblingsäußerung Luthers:

,,Wenn ich Richter wäre, so wollte ich eine solche französische, giftige Hure rädern und ädern lassen.“

Man genießt den Klang erst dann, wenn man gleichzeitig Jesus Worte in Gedanken hallen hört: ,,Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Prostituierten kommen eher ins Reich Gottes als ihr.“(Matthäus 21, 31) Jesus Aussage richtet sich an Schriftgelehrte, ein solcher, wie er Luther war, immerhin übersetzte er die Bibel und sollte wohl mit ihrem Inhalt vertraut gewesen sein. Eventuell vergaß er auch Vieles einfach durch seinen enormen Alkoholkonsum. Er habe zu jeder Mahlzeit zwei Liter Wein und zudem noch reichlich Bier getrunken, wusste es, einen Krug in einem Zuge zu leeren und hatte im allgemeinen dies betreffend einen ausschweifenden Lebensstil. In der Bibel wird nie Alkohol verurteilt nur die, die ihn übermäßig konsumieren. So heißt es im 1.Korinther 6, 9:

,,Weder Unzüchtige noch […] Trunkenbolde, Lästermäuler oder Räuber werden das Reich Gottes erben.“

,,Geistliches Sauff-Duell"

,,Geistliches Sauff-Duell“

Auch hier der bereits mehrmals erwähnte Widerspruch des Mann Gottes. Allerdings widersprach Luther nicht nur Jesus, Gott und der Bibel, sondern auch sich selbst. So sagte er, dass Krieg die größte luther27aller Strafen sei, beeinflusste später allerdings die Bauernkriege. Anfangs hielt er sich aus benannten Kriegen heraus, doch nach der Weinsberger Bluttat, bei welcher Bauern einen Grafen samt Begleitung ermordeten, ergriff Luther Partei für die Fürsten, durch Veröffentlichung der ,,Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren“-Schrift. In dieser bezeichnet er die Taten der Bauern als Werk des Teufels und gibt den Fürsten das Recht, ja bittet sie förmlich darum, die Bauern mit Gewalt niederzuschlagen, was sie folgend mit Luther auf ihrer Seite gern vollbrachten. Diese Gräueltat forderte etwa 102.500 Bauern das Leben und war von Luther hervorgerufen worden. Als sei all das noch nicht schlimm genug gewesen, hingen Anhänger Luthers einige Bauernführer an den Füßen auf und durchsägten sie langsam senkrecht bis sie einen qualvollen Tod starben. Seine Worte waren also nicht nur Schall und Rauch, sondern auf sie wurde auch reagiert, nach ihnen gehandelt.

Es ist wahrlich bedrückend, zu realisieren, was für ein grausamer Mann Luther war und das, obwohl er soviel Potential hatte, was er allerdings an den Alkohol verschenkte. Die in diesem Artikel präsentierte Auswahl ist eben nichts weiter als eine Auswahl. Es gäbe noch so viel zu erwähnen, wie seine Einstellungen zu Täufern, Behinderten oder gar Christen, die seine Meinung nicht teilten, wobei jene sich auch recht leicht mit Tod und Verfolgung zusammenfassen lassen. Was zu erwähnen gilt, ist, dass ich Luther mit diesem Artikel definitiv nicht an den Pranger stellen möchte oder gar fordere, dass man all die Lobpreisungen sein lässt oder nach ihm Benanntes umbenennt, denn er ist und bleibt der Grund für die evangelische Kirche und daran wird sich nichts ändern. Durch seine Taten gab es die damals langersehnte Kirchenreform und dafür muss man ihn wertschätzen. Hingegen sollte man Luthers Person anders in der Öffentlichkeit reflektieren und ihn nicht als makellos ansehen, was bedauerlicher Weise oft der Fall ist. Ich werde sicher nicht aufhören, Luthers Bibelübersetzung zu nutzen, Bachs Luther-Kantaten zu hören oder meine Luther T-Shirts zu tragen, das wäre absurd. Gleichwohl wird der Name Luther fortan einen bitteren Beigeschmack haben und das soll er auch gut und und gern haben, denn Grund gibt es alle Mal.

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Ein Kommentar

  1. Das ist ein vorzüglich recherchierter und dringend notwendiger Beitrag in einer Zeit des Luther-Hypes, der Luther-Musicals, Playmobilfiguren und anderem Merchandising. Ich kann dies beurteilen, weil ich in den vergangenen vier Jahren Luthers judenfeindliche Schriften mit Kollegen erstmals in heutiges Deutsch übertragen habe, um sie heutigen Menschen verständlich zu machen. Würden doch die Initiatoren eines neuen Luther-Platzes in Trier oder die Erbauer diverser neuer Luther-Denkmäler dies beachten. Dass das 2008 als „Lutherdekade“ gestartete Gedenkjahrzehnt seit 2014 verschämt in „Reformationsdekade“ umbenannt wurde, macht die Sache nicht besser. Im Land des Holocaust darf man keinen Antisemiten feiern – in keiner Weise…

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