Schülerzeitung am Hölty Gymnasium Wunstorf

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Glaube in Orange – Kirchentag 2017

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Alle zwei Jahre wird eine deutsche Großstadt für fünf Tag der Schauplatz einer Zusammenrottung hunderttausender evangelischer Christen mit einer Vorliebe für Deutschpop und Acapella. 2017 ist nicht nur eine Stadt überfüllt mit Posaunenchören, Pfadfindern und Bratwurstständen sondern gleich zwei. Da in diesem Jahr 500 Jahre Reformation gefeiert werden, muss der Kirchentag nicht nur in Berlin sondern natürlich auch in der Lutherstadt Wittenberg stattfinden. Dass damit die Infrastruktur der Stadt völlig Überfordert ist und deshalb viele Besucher die Fahrt nach Wittenberg scheuen, haben die Veranstalter gekonnt ignoriert. Aus einem vorsichtig ausgedrückt umfangreichen Programm kann sich der geneigte Besucher seinen Tagesablauf selbst zusammenstellen, wenn er die dafür nötigen 3 bis 4 Stunden investieren möchte. Schwerpunkttehmemen der Veranstaltungen sind Migration und Flucht, Zusammenhalt in Deutschland und Europa, religiöse Pluralität und selbstverständlich die Reformation.

Wer sich solchen intellektuell anspruchsvollen Themen nicht gewachsen fühlt, kann natürlich auch den einfachen Weg wählen, wie es manche Mitglieder meiner Gruppe tun. Diese Menschen betrachten den Kirchentag als Berlinurlaub mit kostenlosen Konzerten. Auf meine Frage, was ihr persönliches Highlight sei, antworten sie vollkommen ernst: „Berlin Dungeon, Shopping und das Max Giesinger Konzert.“ Ich frage sie nicht, was das mit der Kirche zu tun hat, obwohl mich ihre Antwort brennend interessieren würde. Sie würden mich wahrscheinlich nur auslachen. Was für eine absurde Vorstellung, sich auf dem Kirchentag mit dem eigenen Glauben zu beschäftigen!

Für diejenigen, die dieser verrückten Idee trotzdem etwas abgewinnen können, beginnt der Tag mit einer sogenannten Bibelarbeit. Ein mehr oder weniger qualifizierter Mensch erläutert etwa eineinhalb Stunden seine Interpretation einer Bibelstelle. Es ist nicht so langweilig wie es klingt. Viele Redner sind bekannte Politiker oder Schriftsteller, andere wie eine Richterin am Bundesverfassungsgericht überzeugen durch ihr Fachwissen. Der Vortrag selbiger Richterin über den Umgang mit Schuld in der Gesellschaft am Beispiel der Zachäus Geschichte ist wirklich interessant. Nach der Bibelarbeit bieten sich den Besuchern vielfältige Möglichkeiten. Sie reichen von Veranstaltungen mit bekannten Politikern wie Barack Obama, über Gottesdienste und Vorträge bis hin zu Podiumsdiskussionen. Neben den oben erwähnten Schwerpunkttehmen gibt es so viele Themenbereiche und Zielgruppen, die abgedeckt werden, dass der Übersichtlichkeit wegen Zentren eingerichtet wurden, damit man nicht soviel durch die Stadt fahren muss. Das Zentrum Jugend beispielsweise ist ein Straßenfest rund um das Tempodrom, wo ständig Jugendgottesdienste, Konzerte oder Sportturniere stattfinden. Hier allein hätte man den ganzen Tag zu tun, aber es gibt ja noch den Markt der Möglichkeiten auf der Messe und ungefähr 100 andere Veranstaltungen zu denen man eigentlich gerne möchte. Das führt dazu, dass man sich sehr viel vornimmt, um dann nur einen Bruchteil davon zu machen. Die meisten versuchen dennoch möglichst viel zu schaffen und sind deshalb ständig unterwegs. Das ist zwar sehr anstrengend, hat aber den Vorteil, dass man viel von der Stadt sieht.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind deshalb überfüllt mit Menschen mit orangen Schals, die von Veranstaltung zu Veranstaltung hetzen. Trotz der Hektik verbreiten sie keinesfalls schlechte Laune, sondern sind oft sogar singend anzutreffen. Das geschieht zum Leidwesen einiger Berliner, die sich in der Bahn zum dritten Mal an einem Tag „Danke für diesen guten Morgen“ anhören müssen und den Titel des Liedes langsam als zynisch empfinden. Ohne Singen geht auf dem Kirchentag sowieso nichts. Ob im Gottesdienst, auf dem Weg zum Bus oder auf Konzerten, gesungen wird immer und Überall. Und das ist schön, zumindest solange die Leute neben einem die Töne treffen. Allgemein herrscht eine positive Grundstimmung und ein Gefühl der Verbundenheit. Das ist oft abends auf den vielen Konzerten zu spüren. Anders als im Alltag, in dem eher die Institution Kirche im Vordergrund steht, geht es hier um die Menschen und wie der Glaube sie verbindet. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist selten geworden, aber das ist doch, was die Kirche eigentlich ausmachen sollte, oder?

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